Schönheit

Die Frage, was Schönheit ist und wie sie definiert werden könnte, hat Intellektuelle und Künstler von jeher beschäftigt und entzweit. Der Inhalt des Begriffs ist regressiv, da er stets abgeleitet ist aus einem ästhetischen Kanon normensetzender bereits existierender Kunst. Wie eine Molluske entzieht sich "Schönheit" daher einer absoluten Definition, was nicht verwundert, da ständige ästhetische Paradigmenwechsel, heute zunehmend accelerierend, dafür sorgen, dass sicher geglaubte Positionen nach kurzer Zeit durch Sappeure anderer Positionen unterminiert werden. Der martialische Begriff ist so unpassend nicht. Schon Gesualdo will auf dem Weg zu seiner zweiten Vermählung seine komponierenden Konkurrenten in ganz Italien mit seiner Kunst musikalisch "zusammenschießen". Er glaubt sich dazu im Recht, weil er seine eigene Musik der seiner Konkurrenten überlegen meint. Der Begriff `Schönheit´ fällt in diesem Zusammenhang nicht. Es wäre überhaupt zu fragen, wie wichtig er für Komponisten ist. Nach meiner Beobachtung ist das Anliegen des Komponisten nicht in erster Linie das Schöne, sondern eher das Fesselnde, auch das kompositionstechnisch Raffinierte, vor allem aber das Neuartige, denn nur dieses ist ein Stück von ihm, gehört ihm ganz.

 

Der Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber (1806-1861) hat in seinem volkshygienischen Sendungsbewußtsein nicht nur den Schrebergarten erfunden, er hat sich auch als Buchautor hervorgetan, u. a. mit einem Werk "Kalliopädie oder Erziehung zur Schönheit", - einem der stets gutgemeinten Versuche der Verschlimmbesserung des Ebenbildes Gottes. Herr Schreber schlug vor, die Haltung der menschlichen Gattung dadurch zu verbessern , nicht moralisch, wohlgemerkt, sondern rein physisch verstanden, indem man haltungsgestörte Personen in Korrektur-Apparate der unterschiedlichsten und feinst ausgedachten Konstruktionen einzwängt: Horrorphantasien im Dienste der menschlichen Schönheit. Menschliche Schönheit: Georg Wilhelm Friedrich Hegel hätte gesagt, ein Fall von Naturschönheit. Zitat:"....den wir sogleich aus der Betrachtung ausschließen, da das Kunstschöne höher steht als das Naturschöne". Hegel entzieht sich in seinen Ästhetik-Vorlesungen einer allgemeinen Definition des Begriffs des Schönen, obwohl er ständig darüber redet. In der Einleitung seiner Vorlesungen soll er, der Niederschrift seiner Hörer folgend, gesagt haben: "Die Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit". (Ästhetik, Einleitung) Das ist platonisch, und das muss für einen idealistischen Klassizisten auch so sein: Schönheit existiert als Idee und schwitzt sich im Kunstwerk aus durch die Arbeit des Künstlers. Es gibt demnach ein hinter allen Kunstwerken existierendes Ideal als die Idee von Kunst. Das ist Winckelmann und die missverstandene Antike, das ist apollinisch, ist goldener Schnitt, ist kontrollierte Emotion, ist die prästabilierte Harmonie, die von der misstönenden Welt nichts wissen will. Immerhin aber sagt Goethe  etwa zur gleichen Zeit: "Der höchste Grundsatz der Alten war das Bedeutende, das höchste Resultat aber einer glücklichen Behandlung das Schöne". Die "glückliche Behandlung", von der Goethe spricht, ist die angemessene Behandlung. Deshalb kann ein kleines Lied ebenso als "schön" bezeichnet werden wie ein ausgedehntes Orchesterwerk. In diesem Zusammenhang interessiert die Arbeit des Künstlers im Verhältnis zum normensetzenden Umfeld. Seit sich Kunst gelöst hat aus der Umklammerung durch Hof und Kirche ist sie verdammt dazu, sich ihre Normen ausschließlich selbst zu setzen. Auf dem freien Markt der Künste wurde es notwendig, sich von den Konkurrenten abzuheben, denn jede künstlerische Tätigkeit seitdem bemisst und legitimiert sich zunächst durch ihre Distanz zum Normierten. Es soll damit nicht gesagt sein, dass jedes  Kunstwerk ein neues ästhetisches Paradigma zu postulieren habe. Hinter dieser Auffassung stünde ein Denken, das, ähnlich dem hegelschen, im Kunstwerk ein ideales, erratischen Blöcken ähnliches Artefakt sieht.

 

Wenn das Kunstwerk sich abgrenzt gegenüber dem Normativen, was es muss um Kunst zu sein, dann sind Verwerfungen mit dem “allgemein gültigen” Publikumsgeschmack unvermeidlich. Das zeigen auch die immer wieder dem Künstler abgeforderten Rechtfertigungen  gegenüber der ihn ernährenden Gemeinschaft. Die Gemeinschaft verlangt vom Künstler stets das "schöne" Kunstwerk, das sich also normgerecht verhält und innerhalb der zum Verstörenden hin gesetzten Grenzen bleibt.

 

Die Bestimmung von Schönheit als Abwesenheit von Gewohnheit ist ein zutreffendes Kriterium, aber kein hinreichendes. Allein durch Abwesenheit von Gewohnheit entsteht vielleicht ein ästhetisch gemeintes Objekt, was aber noch nicht bedeutet, dass wir diesem Objekt allein schon deshalb die Eigenschaft "schön" zuerkennen werden. Die Bestimmung von Schönheit als die Abwesenheit von Gewohnheit ist der Versuch der Definition von der Negation her. Die ausschließende Bestimmung ist natürlich einfacher, da sie uns erspart zu sagen, wie Schönheit `an sich´ beschaffen ist. Außerdem liegt diese Definition ganz auf der aktuellen kulturkritischen Linie des Verzichts und des Rückzugs. Angeekelt von Eventkultur und Unterhaltungsirrsinn scheint für den Komponisten nur der Rückzug noch möglich zu sein in ein anachorätenhaftes Refugium, das gereinigt ist von körperhafter Rhythmik und memorablem Melos. Der Preis dafür ist bekannt: Die kommunikative Potenz nimmt zu mit der Anwesenheit von Gewohnheit und sie (die kommunikative Potenz) nimmt analog ab mit dem Fehlen von Gewohnheit. Das ist nichts Neues. Neu ist nur, dass "die Gewohnheit", nämlich der Verschleiß der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten durch den Gebrauch in den Medien so galoppierend ist, dass unbeschädigter Klang nur noch an den Rändern des akustischen Universums möglich scheint.  Die je gesellschaftlich herrschenden Kriterien von Schönheit sind immer abgeleitet von den diese Norm überzeugend erfüllenden Werken, sie sind also untauglich als Maß für das, was als Schönheit gerade erst im Begriff ist, sich zu finden.