Zero n one

À la recherche du son inconnu

Die Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts ist auch die Geschichte der Emanzipation des Klanges. Um 1900 waren nicht mehr Melodie und Rhythmus allein die hauptsächlichen sinntragenden Parameter, das Interesse der Komponisten richtete sich immer stärker auf den Klang, was im Konkreten nur bedeuten konnte: auf die Klangfarbe. Suche nach dem neuen Klang hieß ja, immer neue Mixturen aus der vorgegebenen Orchesterpalette zu erfinden. Der "Ferne Klang" in der gleichnamigen Oper von Franz Schreker bleibt dann auch im Kataster der spätromantischen Musik verhaftet. Radikale Vorstöße in ein völlig neues klangliches Niemandsland wie bei den Russolo-Brüdern mit ihren unhandlichen Apparaten waren so etwas wie ein ästhetischer Vorgriff auf eine noch nicht bereitstehende Ton-Technik, erst die Elektrifizierung der Musik war ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einer neuen Klang-Ästhetik, auch indem sie die Welt des technischen Geräuschs kunstfähig machte. Aber auch die Analog-Technik konnte nur an der Oberfläche der Klänge arbeiten. Die Möglichkeit ins Innere der Klänge zu gelangen wurde erst durch die Digitalisierung geschaffen.
In dem heute erweiterten Begriff von Musik, der besser als Klangkunst zu benennen wäre, indem er nicht nur das klassische "Werk" abdeckt sondern auch die Performance, die Installation, das Hörstück u. s. w., in diesem Spektrum verschiedenster akustischer Kunst spielt Technik eine zunehmend bedeutende Rolle und das nicht nur hinsichtlich ihrer Speicherung und Verteilung. Der weitaus interessantere Aspekt ist in diesem Zusammenhang die Frage nach der substanziellen Beziehung beider Bereiche, nämlich: Inwieweit haben die neuen durch die Technik bereitgestellten Möglichkeiten die musikalischen Paradigmen verändert - oder auch nicht. Gibt es eine Wechselbeziehung zwischen beiden Sphären, und ist der Pfeil der Einflußnahme einseitig oder bidirektional? Es ist doch merkwürdig, daß z. B. die Russolo-Brüder mit ihren Geräuschinstrumenten, den Intonarumori, eine ganze Ästhetik des Bruitismus vorwegnahmen, die erst in der Elektroakustischen Musik ihre eigentliche Vollendung fand. Ähnlich antizipierten der deutsche Regisseur Walther Ruttmann und der französische Tonmeister Pierre Schaeffer das digitale Sampling auf einer niederen technologischen Stufe. Die Beziehung zwischen Musik und Technologie ist nicht erst begründet in diesen Tagen der “zero n´one Technik”, schon immer gab es anscheinend eine Relation zwischen musikalischer Vorahnung und deren zeitversetzter Realisierung.